Brief an jenen Menschen, der mich eine Jasagerin nannte

Mir ist bewusst, dass du mich niemals eine Freundin nennen würdest. Immerhin bin ich in deinen Augen eine schwache Jasagerin. Jemand, den du verachtest und dem du die Sympathie aufgekündigt hast.

Aber die Tatsache, dass du mich dazu zwangst, mich mit dir auseinander zu setzen und mir selbst in die Augen zu sehen, lässt mich dich inzwischen als einen Freund ansehen. Denn nur ein Freund hätte es gewagt, mich mit einer solchen Ungeheuerlichkeit zur Selbstreflexion zu bringen. Ein Blick in den Seelenspiegel ist nie schön, doch immer wieder mehr als wichtig und hin und wieder sehr heilsam.

Zwei Monate ist unser Treffen nun her. Zwei Monate hat es gedauert, dass ich endlich Worte fand, die ich dir erwidern kann und möchte. Worte, die weder von kindischer Wut, noch von Traurigkeit oder Verachtung geprägt sind. Denn ich bin ein stolzer Mensch und hätte ich mir keine Zeit zur Antwort gelassen, hätte ich diese Situation überbewertet. Das wollte ich nicht.

So habe ich in dieser Zeit lange und intensiv nachgedacht. Ich habe mich gefragt, ob in deinen Sätzen wirklich Wahrheit steckte. Ich wollte es nicht glauben. Doch nun, an einem der ersten sonnigen Frühlingstage dieses Jahres ist es an der Zeit, dir und der Wahrheit ins Auge zu blicken.

Ich kann dir nur Recht geben. Ja, ich bin eine Jasagerin. Ich stimme Menschen oft zu. Ich höre schweigend zu und widerspreche eher selten. Aber das macht mich nicht schwach.

Es ist auch kein Zeichen dafür, dass ich falsch bin. Ich schweige oder stimme zu, weil ich das Gegenüber respektiere. Ich möchte meinen Gesprächspartnern eine bestimmte Form der Würde lassen. Die Würde, in meiner Gegenwart Dinge äußern zu dürfen, die sie sonst nicht äußern können. Weil Menschen wie du, diese Dinge dumm oder falsch nennen würden.

Ja, es gibt viele Menschen, die nicht so intelligent sind. Die dumme Ideen haben oder nicht nachdenken, bevor sie sprechen. Doch haben denn diese Menschen kein Recht darauf, ihre Gedanken vor anderen zu äußern? Wollen wir ihnen das Recht absprechen, nachzudenken? Sollen wir sie von der Verantwortung entbinden, Aussagen zu treffen?

In meinen Augen ist es unabdingbar, dass gerade diese Menschen sagen können, was sie denken. Es ist die Pflicht von toleranten, gebildeten Menschen, ihnen zuzuhören und so die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu hören. Das stößt oft mehr Nachdenken an als ein offener Widerspruch. Es gibt ihnen das Gefühl, „dazuzugehören“, wichtiger Bestandteil zu sein und vor allem eine Stimme zu haben.

Wenn wir ihnen nicht zuhören und nicht versuchen sie zu verstehen, nehmen wir ihnen Verantwortung. Wir degradieren sie zu stimm- und meinungslosen Kreaturen ohne Sinn und Verstand. Wir nehmen ihnen die Würde.

Ich habe selbst oft genug erlebt, wie es ist, die Würde abgesprochen zu bekommen. Ich kenne es, wenn man keine Stimme bekommt, wenn einem Leute über den Mund fahren und nicht die Möglichkeit geben, eigene Gedanken und Gefühle auszudrücken. Die Traurigkeit, die meine gesamte Existenz danach erfasste, ließ mich nie wieder los. Ich möchte sie anderen nicht antun. Ich will mich nicht selbst zur Schuldigen eines Verbrechens machen, dessen Opfer ich wurde.

Auch dich wollte ich nicht zum Opfer machen. Ich wollte eine gute Zuhörerin und Gastgeberin sein, indem ich nicht widersprach und deine Würde bewahrte. Wieso hätte ich das auch tun sollen? Du sagtest nicht, was völlig falsch war.

Ja, ich war nicht deiner Meinung. Aber ich kannte dich nicht. Woher nahm ich das Recht, dir zu sagen, dass du falsch lagst? Viele deiner Aussagen, waren vermutlich in deinen Augen richtig. Wie kann ich sie verneinen, wenn ich nie durch deine Augen geblickt hatte? Wie kann ich belanglose Ansichten falsch nennen, wenn ich deine Geschichte nicht kenne?

Dafür schimpftest du mich danach eine Jasagerin. Und es hat mich wütend gemacht und traurig. Es klang so, als hätte ich keine Meinung. Als hätte ich gedankenlos ja gesagt, weil ich dir gefallen wollte.

Mein lieber Freund, ich mag gefallsüchtig sein und ich gebe zu, dass das eine meiner größten Schwächen ist, doch hauptsächlich bin ich höflich. Und es ist mir nun einmal wichtig, meine Gäste zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte.

Wenn ich Aussagen, absolut nicht tolerieren kann, dann schreite auch ich ein, doch weshalb soll ich dies in einem Gespräch tun, dass über Belanglosigkeiten spricht? Warum soll ich widersprechen, bei Nichtigkeiten? Es tut mir leid, doch so wichtig nehme ich mich nicht. Und für mich ist es ein Zeichen von falschem Stolz, sich durch so etwas über andere zu stellen.

Ich bin nur ein Mensch und du bist auch einer. In einem Gespräch geht es darum, sich gegenseitig zuzuhören und dadurch kennen zu lernen, nicht durchgehend auf Streit und Diskussion aus zu sein. Hättest du mich nach meinen Meinungen gefragt, hätte ich sie dir gegeben. Dann hätte ich auch widersprochen. Doch weshalb eine Meinung an jemanden verschwenden, der sie nicht hören möchte?

Wir Menschen in dieser Welt sind ohnehin ständig gezwungen uns kundzutun. Individuelle Ansichten zu haben und diese durch die Räume unseres Lebens zu krähen. Auf uns aufmerksam zu machen als einzige, die wirklich wissen, was richtig oder falsch ist. Uns auf dem Silbertablett darzubringen.

Dessen bin ich müde. Tagtäglich bin ich gezwungen, so viele Worte an Leute zu verschwenden, die sie wegwerfen, dass ich sparsam damit sein muss. Jene, die mein Innerstes beschreiben. Meine Ansichten, Gefühle… Mein Wesen. Die Worte sind denen vorbehalten, die danach fragen. Sonst sind sie nur Samen auf Beton und das verdienen sie nicht.

Und nur sehr selten richte ich sie gegen andere. Das tue ich nur, wenn die Worte der anderen meine Welt bedrohen. Wenn sie gefährlich werden. Verzeih mir bitte, doch du warst keine Bedrohung oder Gefahr. Alles was ich von dir wollte, war ein Gespräch.

Ich wollte dir fruchtbaren Boden bieten, für deine Worte. Wollte dich nicht dazu zwingen, sie zu verschütten. Sollte dich das verwirrt haben, bitte ich um Verzeihung und hoffe, dass dir nicht jeder eine solche Härte entgegenbringt, wie du sie offensichtlich gewohnt bist.

Wie soll jemand, der nur kalten, grausamen Stein kennt, das Wasser verstehen? Wie soll er es nicht für schwach halten, wenn er nie den Sturm auf dem Meer sah oder einen Stein, der von steter Brandung weich geschliffen wurde.

Ja, deine Aussage hat mich verletzt. Sie hat mich in meinem Selbstverständnis angegriffen und mich fragen lassen, ob ich zu weich bin.

Ja, weich bin ich, aber nein, schwach macht mich das nicht! Ich will mich einfach nicht von einer Welt der Steine hart machen lassen. Es muss die weichen Elemente geben. Sie sind es, die Leben spenden und jenen Rast gewähren, die von der Reise auf harten, scharfen Stein erschöpft sind und Heilung brauchen von ihren Verletzungen.

Ich möchte Frieden spenden und den Menschen das Gefühl geben, Wert zu haben, die von der Welt als nutzlos zur Verdammung verurteilt werden. Ich will diese Menschen achten und sie lieben. Denn Verachtung gibt es zu viel. Diese Welt ist hart und ich will jenen, die manchmal Schutz vor Härte suchen, zumindest für eine Zeit Schutz bieten, so dass sie sich stärken können, um ihre Reise fortzusetzen.

Und wenn man die Oase dafür verachten will, dass sie nicht so erbarmungslos ist, wie die Wüste. Dass sie klein ist und kühl. Dass sie sich von anderen zu deren Schmerzlinderung benutzen lässt. Dann sei es so…

Dann möchte ich Ziel dieser Verachtung sein. Dann soll mich das Unverständnis treffen und ich will belächelt werden. Denn für andere werde ich schwach, um ihnen Stärke zu geben. Ich mache mich klein, um anderen ihre Größe zu zeigen. Das ist es, was Stärke bedeutet. Die Fähigkeit, sich so seiner selbst sicher zu sein, dass man niemanden braucht, der einem seine Größe verdeutlicht.

Das hast du mich gelehrt und dafür möchte ich dir am heutigen Tage danken. An jenem regnerischen Tag brach eine Welt in mir zusammen und eine andere wurde mir gewahr. Mein bärtiger Freund, das ist dein Verdienst. Und dafür verneige ich mich vor dir in Dankbarkeit.

Und solltest du jemals eine Jasagerin benötigen, die dich einfach annimmt wie du bist und nicht Salz und ihren eigenen Schmutz in deine Wunden streut, – dann möchte ich dich willkommen heißen und dir jederzeit wieder den Kuchen meiner Großmutter und ein paar Stunden meiner Zeit anbieten. Denn zwar vergisst Wasser nicht, doch es beruhigt sich. Der Stein wird bleiben, aber eines Tages, werde ich ihn so geschliffen haben, dass er mich nicht mehr schmerzt, sondern Teil von mir wird. Eine Lehre wurde er mir schon…